Das Berliner Sechstagerennen 1911

Von Walter Rütt

Mit ganz anderen Empfindungen, als im Jahre 1910, komme ich heute der Aufforderung, meine Eindrücke vom Sechstagerennen zu schildern nach, denn während ich damals noch unter dem Eindruck meiner mit vielen Schwierigkeiten verbundenen Rückkehr nach Deutschland stand, bestritt ich diesmal als freier Mann das Sechstagerennen. Auch diesmal sollte ich aber nicht ohne schwere innere Kämpfe zum Start gelangen, denn ich stand vor der Frage, entweder alle Rücksicht auf meine Gesundheit fallen zu lassen oder das Sechstagerennen den Ausländern zu überliefern.

Ich wusste wohl, was für mich auf dem Spiele stand, wenn ich in das lange Rennen ging und rechnete nicht damit, dass das Publikum nachsichtig sein würde, aber auf der anderen Seite zuckte es mir doch in den Beinen, als ich die Namen der Fahrer erfuhr, die für das lange Rennen eingeschrieben werden sollten. Ich überlegte lange und musste stets daran denken, was mir der Verfasser vorliegender Broschüre vor dem Dresdener Sechstage-Rennen gesagt hatte, denn selten in meinem Leben ist eine Prophezeiung so sicher eingetroffen, als in diesem Falle.

Derselbe Herr Budzinski, der Stol und mir vor dem Dresdener Sechstagerennen gesagt hatte: "Ich will Euch nicht ab- noch zuraten, aber ich sage Euch, dass etwas passiert und Ihr Euch meiner Worte noch oft erinnern werdet", telephonierte mich an, um meinen Entschluss zu erfahren, als ich in Rheydt bei meinen Eltern die Heilung meines in Dresden gebrochenen Schlüsselbeins abwartete.  Ich lehnte ab, aber Herr Budzinski brachte es fertig, alle meine Pläne über den Haufen zu werfen und mich zur Annahme der Engagementsbedingungen zu bringen, die mir Herr Direktor Hölscher gleich darauf telephonisch mitteilte. Ich Muss sagen, dass mir nicht sehr wohl zu Mute war, als ich meine Zusage erteilt hatte, denn mein Schlüsselbeinbruch bereitete mir immer noch Schmerzen und ich glaubte nicht, dass die Heilung so schnell vor sich gehen würde.

Ansichtskarte vom Berliner Sechstagerennen 1911

Foto: Franz Martin, Leipzig

Ansichtskarte vom Berliner Sechstagerennen 1911
mit Signatur von Walter Rütt

Jedenfalls hielt es mich nicht länger im Hause meiner Eltern und von einer inneren Unruhe getrieben, reiste ich mit meiner Frau und meinem Sohne nach Berlin zurück. Mein erster Weg führte mich zu Herrn Dr. Willner, der meine Schulter einer eingehenden Untersuchung unterzog und mir schnellste Heilung durch ein eigenes Verfahren zusicherte. Dr. Willner machte mir eine Jodinjektion, bei der ich alle Engel im Himmel pfeifen hörte, aber ich muss gestehen, dass die Einspritzung Wunder bewirkte. Ich konnte den Arm bewegen und ohne Beschwerden oder Schmerzen auf meinem Rade zum Sportpalast fahren.

Am nächsten Tage fuhr ich mit dem Rade zur Radrennbahn Zehlendorf hinaus und trainierte dort mit Otto Meyer zusammen. Ich fühlte mich sehr frisch und war mit meiner Form so zufrieden dass ich dem Sechstagerennen mit großem Vertrauen auf meine Leistungsfähigkeit entgegen sah. Als die Bahn aufgebaut wurde, dachte ich nicht mehr an meinen Schlüsselbeinbruch und als ich die ersten Runden auf der ungewohnten Bahn gefahren hatte, fühlte ich mich ebenso frisch wie vor meinem Sturz.

Meine Chancen standen, sofern keine Schwierigkeiten mit meiner Verletzung eintraten, sehr gut, denn ich hatte eigentlich nur drei Mannschaften im Rennen zu fürchten. Diese drei Mannschaften waren McFarland-Moran, Saldow-Lorenz und Stabe-Pawke. Was ich von den Amerikanern zu erwarten hatte, wusste ich, denn ich kannte Mac Farland, mit dem ich 1906 mein erstes Sechstage-Rennen gefahren hatte und kannte auch Moran, doch wusste ich nicht genau, was von Lorenz und Saldow in einem scharf bestrittenen Rennen zu erwarten war.

Ich hatte Lorenz in Hamburg mit Demke und in Dresden mit Saldow fahren sehen und wusste wohl, dass in den Berlinern gute Sechstage-Fahrer steckten, aber ihre Kenntnisse von der Taktik eines erstklassigen Sechstage-Rennens waren doch noch zu gering, um uns das Leben das ganze Rennen hindurch schwer zu machen. Trotzdem nahm ich die Sache sehr ernst und rechnete in erster Linie mit den beiden Berlinern, die nach meiner Meinung von den Amerikanern nur aus Mangel an Taktik geschlagen werden konnten, Stabe und Pawke hatte ich im zweiten Berliner Sechstage-Rennen kennen gelernt und glaubte, ihnen nach ihrer damaligen Leistung eine erste Chance zusprechen zu müssen. In Schilling sah ich ebenso einen ernsthaften Gegner, aber ich glaubte nicht recht daran, daß der Holländer das lange Rennen durchstehen würde.

Walter Rütt in Zivil


Walter Rütt in Zivil
bei der Inspektion des Fahrerlagers

Jedenfalls ging ich mit großem Vertrauen auf Stols und meine Leistungsfähigkeit in das Rennen und verhielt mich so lange abwartend, bis ich mich nicht mehr beherrschen konnte und in der 22.Stunde losging. Der Erfolg war etwas unerwartet, denn die Amerikaner verloren eine Runde und Saldow-Lorenz blieben bei uns. Unser Bestreben ging natürlich nunmehr dahin, die Berliner abzuschütteln, um allein an die Spitze zu kommen und wir spurteten verschiedentlich, aber immer ohne Erfolg.

Zu meinem größten Bedauern erfuhr ich nach einem größeren Kampf, dass man mich im Verdacht habe, mit den Amerikanern gemeinsame Sache zu machen, um Saldow-Lorenz abzuschütteln und ich muss gestehen, dass mich selten etwas so schwer gekränkt. hat, als dieser Vorwurf. Ich versuchte mit allen Mitteln das Gegenteil zu beweisen, aber immer wieder tauchte das Gerücht auf. Ich wusste schließlich nicht mehr, was ich tun sollte und wartete ab, bis Saldow-Lorenz zum Angriff übergehen würden.

Dieser Angriff erfolgte in der 96. Stunde und ich erachtete den Augenblick für gekommen, um den ersten Trumpf gegen die Berliner auszuspielen. Stol unterstützte mich überaus wacker und wir beide holten allein eine Runde.
Als wir das Feld erreichten, erwarteten wir, dass sich Saldow-Lorenz anhängen würden, aber sie taten es nicht. An ihrer Stelle erfassten die Amerikaner die Situation und gingen mit. So selbstverständlich es war, dass Stol und mir daran lag, eine Runde zu gewinnen und so selbstverständlich es war, dass Mac Farland-Moran Interesse daran hatten, mit Saldow-Lorenz auf gleiche Höhe zu kommen, so unverständlich war es mir, dass man mir auch nach diesem Kampf das Wiederauftauchen des Gerüchts von einer Kombination mit den Amerikanern hinterbrachte.

Jeder Fahrer hatte das Recht anzugreifen, und jeder Fahrer konnte sich an unser Hinterrad hängen.  Wir erwiderten lediglich einen Angriff von Saldow-Lorenz und eroberten dabei eine Runde ganz allein. Als wir genügend viel Vorsprung hatten, beschränkten wir uns darauf, unsere Gegner zu halten und alles wäre glatt verlaufen, wenn ich kurz vor Schluss des Rennens nicht Magenbeschwerden bekommen hätte. Ich musste Stol allein im Rennen lassen, da eine Magenausspülung als einzige Rettung bezeichnet wurde.

Ich kann nicht beschreiben, was ich während dieser Zwangspause ausgehalten habe und will auch nicht mehr daran denken. Jedenfalls waren die letzten Stunden des Rennens schrecklich für mich und ich bin froh, dass ich mich nicht zu zwingen brauchte, trotz meines schlechten Befindens nochmals in einen Kampf einzugreifen. Ich habe das Rennen mit Stol leichter gewonnen, als ich gedacht habe, aber ich hätte es im letzten Moment noch verlieren können, wenn mein Partner nicht so gut auf dem Posten gewesen wäre und mich in der kritischen Zeit geschont hätte.

Hinweis
Der Artikel erschien in der Broschüre "Das dritte Berliner Sechstagerennen" von Fredy Budzinski. Der Text wurde ohne Korrekturen übernommen. Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wurde die Anzahl der Absätze gegenüber dem Originalabdruck vergrößert.

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