Das 2. Berliner Sechstagerennen

Von Fredy Budzinski

"Der Berliner Meisterfahrer Arthur Heimann gab das Zeichen zum Beginn des Rennens. Die Rückkehr Rütts nach Deutschland und seine Teilnahme mit Clark als Partner gab dem Rennen das Gepräge. In der 4. Stunde wurden Tadewald-Ryser, Carapezzi-Bruni, Conrad-Uthoff, Nedela-Krupnikoff und Schipke-Rettich aus der Kopfgruppe gedrängt. In der 5. Stunde schied Bruni durch Sturz aus dem Rennen. Tadewald erlitt einen Schlüsselbeinbruch und Ryser fuhr mit Carapezzi.

In der 24. Stunde schieden Otto Meyer und Rettich aus. Bettinger-Schipke bildeten eine neue Mannschaft. Techmer und Bader gaben das Rennen in der 29. Stunde auf. Ellegaard und Rudel wurden als neue Mannschaft mit 1 Runde Verlust ins Rennen gestellt. In der 49. Stunde gelangte während des Rennens ein Zweikampf Theile-Kudela zum Austrag, den Theile leicht gewann."

Das 2. Berliner Sechstagerennen

"In der 68. Stunde gewannen Berthet-Brocco eine Runde, verloren den Versprung aber sofort wieder. Contenet-Stellbrink und Scheuermann-Wegener wurden in der 68. Stunde aus der Kopfgruppe gedrängt. In der 70. Stunde scheidet Krupnikoff aus. Nedela-Techmer neue Mannschaft.

In der 71. Stunde gab Ellegaard auf. Rudel bildete mit dem wieder ins Rennen gestellten Bader eine neue Mannschaft. Techmer und Nedela fielen weit zurück und wurden aus dem Rennen gezogen. In der 73. Stunde gelangte ein Zweikampf zwischen Arend und Poulain zum Austrag. Arend gewann den ersten und den dritten Lauf und siegte mit 4 Punkten über den Franzosen.

In der 74. Stunde schlug Theile in einem Verfolgungsrennen Kudela. In der 77. Stunde gab Ryser auf und der bereits aus dem Rennen gezogene Nedela wurde wieder zugelassen, um mit Carapezzi eine Mannschaft zu bilden."

Jack Clark

"In der Silvesternacht 1909/1910 schieden Nedela-Carapezzi und Conrad-Althoff aus. Poulain schlug Arend im Wiedervergeltungsrennen. In der 104. Stunde schied Wegener aus. Scheuermann fuhr als Ersatzmann weiter. In der 112. Stunde erschien der Kronprinz in der Halle. In der 107. Stunde wurden Berthet-Brocco und Stabe-Pawke aus der Kopfgruppe gedrängt und alle anderen Mannschaften durch die Paare Rütt-Clark, Root-Fogler und Stol-Walthour mehrmals überrundet.

In der 108. Stunde schieden Hall-Demke aus und in der 110. Stunde gaben Bettinger-Schipke auf. In der 114. Stunde erschien der Kronprinz in der Halle und die Mannschaft Rütt-Clark überrundete das Feld. Bader-Rudel gaben in der 118. Stunde auf. In der 143. Stunde überreichte Robl seinem Landsmann Rütt das Weltmeistertrikot. Ohne weitere Überrundungen ging das Rennen zuende. Stol schlug Brocco im Kampf um den zweiten Platz mit einer halben Runde."

Ergebnis

  1. Rütt-Clark 3753,15 km
  2. Stol-Walthour 1 Runde
  3. Brocco-Berthet 1,5 Runden
  4. Stabe-Pawke 3 Runden
  5. Root-Fogler 6 Runden
  6. Stellbrink-Contenet 12 Runden

Große Emotionen

"Ich habe in den Tagen vor und nach dem Rennen so viel erlebt, dass ich mir über alles noch nicht klar werden kann. In den letzten Tagen des Dezember 1909 und in den ersten Tagen des Januar 1910 hat sich mein Lebensschicksal entschieden. Mir wurde die Gnade zuteil, mein Vaterland wieder betreten zu dürfen, ich hörte den Jubel, den mein Erscheinen auf der Radrennbahn im Zoo hervorrief, ich habe das Berliner Sechstagerennen gewonnen, mein Vaterland wiedergefunden. Wie schwer ist es, unter dem Eindruck einer solchen Anhäufung überwältigender Dinge seine Gedanken auf einen Punkt zu konzentrieren, aber ich will es versuchen und meine Eindrücke während des Rennens zu Papier zu bringen."

Walter Rütt

"Als mir klar wurde, dass mein seit Jahren gehegter Wunsch, vor den Augen meiner Landsleute ein Sechstagerennen bestreiten zu können, in Erfüllung gehen sollte, hatte ich nur den einen Gedanken: Gewinnen um jeden Preis. Ich wurde in Havre von der Nachricht überrascht, dass ich nach Deutschland kommen dürfe, erfuhr in Verviers alles Nähere und wurde in Berlin mit einem Jubel empfangen, der mir ewig unvergesslich sein wird. Alles dieses im Verein mit den Nachwehen des erst wenige Tage vorher beendeten Sechstagerennens in New York machten mich etwas nervös und ließen leise Zweifel an einen Sieg im Berliner Sechstagerennen in mir aufsteigen, aber ich kämpfte die Zweifel nieder, und im Vertrauen auf meinen Partner Clark und auf meine Energie ging ich in das Rennen mit dem Bewusstsein, dass es sich hier nicht nur um Ehre und Geld, sondern um Sein oder Nichtsein handelte.

Die Begrüßung in der Halle am Zoo machte mir Mut. Ich ging mit dem besten Vorsatz, va banque zu spielen, in das Rennen und schon am ersten Tage erkannte ich, dass meine Chancen gut standen. Mein Partner Clark war ebenso wie ich jeder Situation gewachsen und am zweiten Tage beherrschten wir das Feld. An den Gewinn einer Runde dachten wir in jeder Stunde, aber wir mussten die Erfahrung machen, dass sich unter unseren Gegnern vorzügliche Fahrer befanden, die sich eine Überrundung nicht gefallen lassen würden. Auf einen schweren Kampf waren wir gefasst, aber wir waren uns bewusst, dass uns ein gleicher Erfolg wie beim Sechstagerennen in New-York beschieden sein würde, wenn wir ganze Arbeit machten.

Ans dritten und vierten Tage machten sich die Nachwehen des New Yorker Rennens bei mir bemerkbar. Ich kannte diesen Zustand der Ermüdung, und mit Hilfe meiner Manager kam ich leicht darüber hinweg. Ein kritischer Moment war für mich die Erkrankung Clarks an einem Beingeschwür, doch als ich erfuhr, dass die kleine Operation glücklich verlaufen war, setzte ich das Rennen mit um so größerer Lust und Liebe fort. Mit meinen Kräften hielt ich Haus, denn ich erwartete jeden Moment den Besuch des Kronprinzen. Erst in Gegenwart des Thronfolgers wollte ich ganz aus mir herausgehen und den Beweis liefern, dass ich trotz aller Strapazen in den letzten Wochen noch bei vollen Kräften sei.

Als der Kronprinz erschien, ruhte ich, aber so schnell, wie aus diesem Schlafe, bin ich noch niemals geweckt worden. Ich kleidete mich schnell um und stürzte auf die Bahn. Dass der Augenblick der Entscheidung gekommen war, wussten meine Gegner, und mir war bewusst, dass sich jetzt ein harter Kampf entspinnen werde. Ich ließ Spurt auf Spurt folgen und mein Partner Clark unterstützte mich sehr wacker, aber leider war es uns nicht vergönnt, dem Felde in Gegenwart des Kronprinzen eine Runde zu nehmen, sondern erst nachdem der Kronprinz die Halle schon lange verlassen hatte, gelang uns die Eroberung einer Runde."

Mit dem Rundenvorsprung hatten wir, von Unfällen abgesehen, das Rennen gewonnen. Wir unterschätzten unsere Gegner keinesfalls und sahen in Stol, Walthour, Stabe und Brocco unsere schärfsten Widersacher, aber unser Vertrauen auf den endlichen Sieg wurde dadurch nicht erschüttert. Die beiden letzten Tage fielen mir nicht leicht, aber ich kämpfte mit dem Aufgebot aller Energie und verzagte auch nicht, als mein tapferer Partner am letzten Tage einen zuerst gefährlich aussehenden Schwächeanfall erlitt. Clark erholte sich aber sehr schnell und wir gewannen das für mich so überaus wertvolle Rennen.

Nie in meinem Leben habe ich eine so große Genugtuung empfunden, als nach dem Siege im Berliner Sechstagerennen und nie werde ich die Ovationen vergessen, die man uns auf der Ehrenrunde darbrachte.

Wenn ich zum Schluss noch ein Wort über die Bahn und meine Gegner sagen darf, so möchte ich bemerken, dass die Bahn infolge ihrer spitzen Kurven sehr unvorteilhaft für mich war. Ich fühlte mich gehandicapt, ließ aber keinem Gegner etwas merken und nahm das Gleiten meines Hinterrades bei scharfem Spurt stillschweigend mit in Kauf. Ich wagte nie, mit aller Macht in die Pedale zu treten, aber was ich hergab, reichte zum Siege aus und ich werde der Bahn trotz ihrer Unfreundlichkeit gegen mich nichts nachtragen. Für kleinere und leichtere Fahrer wie Stol, Pawke und Brocco war die Bahn gut geeignet und ich fürchtete meine Gegner aus diesem Grunde sehr. Was Walthour, Stol, Root und Fogler zu leisten vermochten, wusste ich. Überrascht hat mich am allermeisten die gute Form, in der sich Stabe und Pawke befanden, und ich stehe nicht an, den beiden Berlinern bei einer Verpflegung, wie sie die erstklassigen Teams eines Sechstagerennens genießen, eine allererste Chance zuzusprechen."

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