Nachkriegszeit
Hunger und Not im zerbombten Berlin
Die schweren Bombenangriffe, die Berlin während des Krieges erlebte, hatten die Wohnung von Walter Rütt in der Stephanstraße verschont, aber auch er litt unter den Umständen, die die Blockade der Stadt verursachten. Einmal mehr war es sein alter Freund Clemens Schürmann den er im August 1948 um Hilfe bat.
"Am Tag und in den Nächten brausen die vielen, vielen Flugzeuge über unsere Gegend auf dem Weg nach Tempelhof. Es ist eine Beruhigung, dass wir mit Lebensmitteln versorgt werden, doch es fehlt an Gemüse und Obst. Auch die Kartoffelzuteilung ist gestört, doch meine Schwester sendet schon seit Wochen Kartoffeln mit Luftpaketen.
Könnte ich es wagen, Sie zu bitten, uns ein Paket mit etwas Obst und Gemüse zu senden? Es wird bald eine Gelegenheit geben, ausgelegtes Geld zurück zu erstatten. Ich wäre Ihnen sehr dankbar. Vielleicht kann Ihr Schulfreund dazu helfen, solche Sachen auszusuchen, die nicht zu schnell verderben, da die Erfahrung lehrte, dass die Pakete zwischen 4 aber auch 14 Tagen unterwegs waren."
Herbert Weinrich Sieger im Walter-Rütt-Preis 1955
"Wegen der Stromsperre bin auch ich ohne Arbeit und benutze die Freizeit, um Holz in den Ruinen zu suchen. Eine gefährliche und schmutzige Arbeit, weil das Holz verkohlt ist.
Ich habe noch eine Bitte. Haben sie etwa eine gebrauchte Kette 1/2 x 1/8 für mein Straßenrand? Hier verlangt man für eine neue Kette 30 Mark zahlbar in Westmark, das sind in Ostmark über 90 Mark. Meine Kette hat sich in ein müdes Gummiband so ausgezogen, dass sie dauernd aufschlägt. Wir sind doch noch sehr benachteiligt in Berlin, denn wie die Kette sind auch alle anderen Gegenstände aus dem Westen sündhaft teuer."
Im Februar 1950 musste er sich einer Operation am Auge unterziehen, einige Zeit später war er zu einem Krankenhausaufenthalt gezwungen, da eine Thrombose seinen linken Oberschenkel um mehrere Zentimeter hatte anschwellen lassen.
Hilferuf nach Frankfurt
In einem Brief an Clemens Schürmann, der sich zu jener Zeit in Frankfurt aufhielt, schrieb er im September 1951:
"Da Du nun täglich mit Adolf Schön zusammen bist, so bitte ich, mit ihm doch einmal zu sprechen ob ich nicht in irgendeiner Weise dort während des Sechstagerennens beschäftigt werden könnte, vielleicht in der Prämienkommission, wo doch auch eine gewisse Routine erforderlich ist, aber auch jeden anderen Posten bin ich bereit, zu übernehmen.
Mit meiner kleinen Rente ist es ein kümmerliches Dasein und sollte ich einmal in einem Sechstagerennen beschäftigt werden und mich bewähren, so besteht doch die Möglichkeit, dass andere Veranstalter mich auch hinzuziehen. Erinnere Schön daran, dass ich mit Stol das erste Frankfurter Sechstagerennen gewonnen habe und er soll doch einmal überlegen, ob er mich nicht beschäftigen kann, denn auch er kennt doch sicher meine schlechte Lage."
Foto: Wolfgang Rupprecht
Walter Rütt 1957
Post von der UCI
1953, kurz vor seinem 70. Geburtstag, erhielt Walter Rütt eine Paketsendung aus Frankreich, die als Absender den Weltradsportverband auswies. Hintergrund der Zustellung war, dass man bei der Weltmeisterschaft 1913 in Leipzig während der Siegerzeremonie vergessen hatte, ihm die Urkunde mit der Bestätigung seines WM-Titels zu überreichen. Sie lag danach 40 Jahre in einem Schrank beim Sekretariat der UCI in Paris und erreichte erst jetzt ihren rechtmäßigen Besitzer. Ihr weiterer Verbleib ist ungeklärt.
Ehrung zum 70. Geburtstag
Zur Einweihung des Conti-Hochhauses in Hannover, seinerzeit das höchste Hochhaus in Westdeutschland, weilte Walter Rütt, einstiges Aushängeschild des Reifenherstellers, unter den 600 Gästen.
Anlässlich seines 70. Geburtstages wurde ihm die Ehrennadel der Stadt Berlin verliehen. Zu den Gratulanten zählten der Bürgermeister von Steglitz, der Magistrat von Berlin sowie zahlreiche ehemalige Radrennfahrer. Auch Reinhold Habisch, alias "Krücke", ein Berliner Original, ließ es sich nicht nehmen, einen Blumenstrauß zu schicken.
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